Wirtschaft bis 1918

Die traditionelle Landwirtschaft, die Forstwirtschaft und die Fischerei dominierten die lettische Wirtschaft bis zur industriellen Revolution. Die meisten Einheimischen wurden nach den Kreuzzügen im 13. Jahrhundert zu Leibeigenen. Viele Familien wohnten auf Bauernhöfen, andere bewohnten kleine, in ganz Lettland verstreute Städte.  Unter den Stadtbewohnern waren Handel und Handwerk am meisten verbreitet. Funde römischer und arabischer Münzen zeigen die historisch weitreichenden Handelsbeziehungen auf.

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Das Rückgrat des Transportwesens war der Fluss Daugava und Häfen, wie etwa der in Riga. Die Ostsee ermöglichte eine Verbindung auf dem Wasserweg mit dem Rest der Welt. Sowohl Handelsrouten zwischen Skandinavien und Byzantion als auch zwischen Westeuropa und Russland führten durch lettisches Territorium. Mehrere livonische Städte gehörten der Hanse an.

Die Leibeigenschaft wurde 1817 (in Kurzeme), 1819 (in Vidzeme) und 1861 (in Latgale) abgeschafft. Viele befreite Bauern zogen zum Arbeiten in die Städte. Die Mechanisierung der Arbeitsvorgänge und die Urbanisierung der Arbeiter verbesserten auch auf dem Land den Lebensstandard. Lettische Bauern übernahmen die Kontrolle über ihr Land und Leben, sie kauften bis 1914 die Hälfte der feudalen Eigentümer auf. Der Wirtschaftsstratege Krišjānis Valdemārs baute ein Unternehmen für Seetransport auf, das sich im Besitz von Letten befand und von diesen auch geleitet wurde.

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Die Eisenbahn brachte dann in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die industrielle Revolution nach Lettland. Häfen, Transportwesen, Industrie und Finanzen florierten.

Die gebildeten einheimischen Arbeitskräfte machten Lettland zu einem sehr gut geeigneten Ort für die Schwerindustrie. Maschinenbau, Metallurgie und Chemieindustrie erreichten in Lettland Weltniveau.

Zwischen der industriellen Revolution und dem Ersten Weltkrieg eröffneten sich für die Letten nie dagewesene Entwicklungsmöglichkeiten. Sie konnten sich ­der wirtschaftlichen, politischen und intellektuellen Elite anschließen. Viele wurden reich und schickten ihre Kinder auf Universitäten. Sie bildeten den Grundpfeiler der lettischen Gesellschaft, die den neuen lettischen Staat und seine Wirtschaft aufbaute.

Wirtschaft in Lettland 1918-1940

Die neue Republik Lettland hatte zu Beginn vor allem viel Willenskraft, aber nicht viel mehr. Ein Großteil der industriellen Anlagen wurde während des Ersten Weltkriegs nach Russland verfrachtet und nicht wieder zurückgebracht. Der Krieg hat die meiste Infrastruktur zerstört. Viele qualifizierte Arbeitskräfte und führendes Personal haben aufgrund des nachfolgenden Chaos das Land verlassen.

In Anbetracht der schweren Umstände waren die Errungenschaften der lettischen Wirtschaft bemerkenswert. Die Einführung der mit Gold abgesicherten nationalen Währung Lats beendete 1922 das Finanzchaos. Die Industrie erhob sich aus Schutt und Asche und fand Exportmärkte im Westen. Die Landwirtschaft in kleinem und mittlerem Maßstab florierte, da die feudalen Landgüter unter landlosen Bauern und Veteranen des Unabhängigkeitskrieges aufgeteilt wurden.          

Lettland schaffte es dank der gut entwickelten Landwirtschaft durch die Weltwirtschaftskrise. Das Land exportierte Speck, Rübenzucker, Milchprodukte und Textilien nach Westeuropa. Der lettische Holzexport machte in den 30er Jahren 10% des weltweiten Marktes aus. Das erste Wasserkraftwerk wurde Ende der 30er Jahre am Fluss Daugava bei Ķegums gebaut.

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Die reiche Ausstattung an Humankapital blieb für Lettland die wichtigste Ressource,  das Land hatte die weltweit höchste Immatrikulationsrate pro Einwohner. Lettische hochtechnologische Erzeugnisse wie die VEF-Radios und die Minox-Fotoapparate konkurrierten mit europäischen und amerikanischen Produkten.

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Okkupation 1940-1991

Die Sowjetunion und Nazi-Deutschland verwüsteten Lettland während des Zweiten Weltkrieges. Hunderttausende wurden getötet, starben oder flohen vor Krieg und Verfolgung. Eigentum und Infrastruktur wurde entweder zerstört oder verstaatlicht. Viele Ressourcen und anderes wertvolles Gut wurde sowohl von den Nationalsozialisten als auch von den Sowjets enteignet, darunter Waldgebiete, wertvolle Metalle und Ausrüstung.

Lettland wurde gemäß der Planwirtschaft der Sowjetunion, die sich ineffektiver als die freie Marktwirtschaft herausstellte, aufgebaut. Die lettische Wirtschaft diente den politischen und militärischen Interessen der herrschenden sowjetischen Elite. 176 Fabriken im sowjetischen Lettland stellten zwischen 10 und 100% ihrer Produktionskapazität militärischen Zwecken zu Verfügung. 80% der Erzeugnisse von VEF, der größten Fabrik mit ungefähr 20.000 Arbeitern, waren militärische Güter.

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Die Planwirtschaft verursachte weitgehende Engpässe. Die Kollektivierung der Landwirtschaft erreichte nie mehr als 45% der Leistung, die zuvor die privaten Bauernhöfe erzielt hatten. Die massive Industrialisierung, die einen großen Bedarf von eingeführten Arbeitskräften mit sich brachte, war vor allem ein politisches Instrument. Unrealistische Produktionsziele nährten die Propaganda, verzerrten aber den Markt. Der Mangel an Umweltschutz ist für die Verschmutzung verantwortlich, die Lettland bis heute zu spüren bekommt.

Das sowjetische Wirtschaftssystem konnte nicht mit dem weltweiten freien Markt konkurrieren. Ende der 80er Jahre brach es zusammen, die Schließung vieler Fabriken führte zu Massenarbeitslosigkeit und dem Zusammenbruch des Finanzsystems.

Seit der Wiedererlangung der Unabhängigkeit 1991

In den frühen 90er Jahren erlebte Lettland einen einmaligen Übergang von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und liberalisierte die Preise. Grundlegende Institutionen einer Marktwirtschaft und die Währungsstabilität bildeten sich Mitte der 90er Jahre heraus. Den Problemen im Bankensektor und der regionalen Wirtschaftskrise 1998 folgte ein starkes und schnelles Wachstum. Die euroatlantische politische Integration führte zu stärkeren Verbindungen mit den westlichen Märkten.

Lettland trat 2004 der Europäischen Union und 2007 dem Schengener Abkommen bei und wurde so integrierter Bestandteil des weltweit größten gemeinsamen Binnenmarktes. Die lettische Wirtschaft wächst seit 2004 zunehmend.

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Das Land wurde von der Weltwirtschaftskrise zwischen 2007 und 2008 hart getroffen. Das lettische Bruttoinlandsprodukt war 2011 fast 100% größer als  1995. Bilder unserer Straßen und Menschen in den letzten 20 Jahren erzählen eine unverkennbare Geschichte von wachsendem Wohlstand, Innovationen und unternehmerischer Dynamik.

Heute ist Lettland in vieler Hinsicht ein typisch europäisches Land. Der Anteil von Menschen mit mindestens einer Sekundarausbildung ist höher als in fast jedem anderen EU-Land. Teile unserer Infrastruktur sind von starker Rückständigkeit vor 20 Jahren zu einer der besten heute gewachsen, wie zum Beispiel bei der Internetgeschwindigkeit.

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Das Land spricht seine Schwachpunkte an und baut auf seinen Stärken auf. Die Geschichte hat die Letten gelehrt, Krisen zu überwinden. Ein Mangel an Bescheidenheit während guter Zeiten sind eher ein Problem gewesen. Die jetzige fiskalische Disziplin hat Lettland zu einem Vorbild für die westliche Welt gemacht, deshalb wurde Lettland 2014 in die Eurozone aufgenommen. Außerdem ist Lettland im Begriff, den Beitritt zur OECD abzuschließen.