Die Liven sind das einzige andere einheimische Volk Lettlands. Diese finno-ugrische Bevölkerungsgruppe ist mit den Esten und Finnen, nicht mit den baltischen Letten verwandt. Die Liven siedelten sich an der Mündung der Daugava am Meer an, was sie zu guten Fischern und Seefahrern werden ließ. Die Liven waren die ersten Menschen, mit denen jemand in Kontakt trat, der auf dem Seeweg nach Lettland kam. Deshalb war Lettland im Mittelalter als Livland bekannt.

Viele Liven assimilierten sich letztendlich in die lettische Gesellschaft. In den 30er Jahren lebten tausend Liven in 12 Fischerdörfern an der Küste von Kurzeme. Für viele gingen die traditionelle Lebensart und die kulturellen Wurzeln verloren, als die Okkupation durch die Sowjetunion die Küste zur Westgrenze des Imperiums machte. Die Küste, die traditionell von Liven bewohnt war, wurde zu einer geschlossenen Militärzone und die Bewohner mussten die Fischerei, ihre traditionelle Einkunftsquelle, aufgeben.         

Heute betrachten sich nur noch 170 Menschen als Liven, und die Sprache wird von noch viel wenigeren gesprochen. Alle Muttersprachler sind sehr alt, aber eine kleine Anzahl von Enthusiasten hat Livisch als zweite Sprache erlernt. Obwohl sie mit den ostseefinnischen Sprachen verwandt ist, können weder die Esten noch die Finnen mehr als ein paar Wörter Livisch verstehen.

Trotz Assimilation in die lettische Gesellschaft haben die Liven einen bleibenden Einfluss hinterlassen. Die lettische Sprache hat die Betonung auf der ersten Silbe von der livischen Sprache übernommen. Das beliebte lettische Volkslied "Pūt vējiņi" geht auf ein livisches Hochzeitslied aus dem Mittelalter zurück. Viele Liven Lettlands sind prominente Mitglieder der bürgerlichen Gesellschaft und Kulturszene, zum Beispiel die Stalts und Ernštreits Familien.          

Es sind mehrere Bücher in livischer Sprache veröffentlicht worden, über die Liven wird im Internet geschrieben, und man kann sich die Sprache auf CDs anhören. Heutzutage ist Livisch die seltenste Sprache in der Europäischen Union, und es ist Ehrensache und Verpflichtung für Lettland, die Sprache zu erhalten und zu fördern. Die Kultur der Liven Lettlands ist einer der 99 Schätze des lettischen Kulturkanons. Momentan laufen staatliche Förderprogramme.

Trotz ihrer geringen Anzahl sind die Liven aktive Mitglieder ihres Kulturvereins und Teilnehmer in verschiedenen Musikensembles. Das Dorf Mazirbe ist der zentrale Ort der Liven in Lettland. Hier befindet sich das Haus der Livischen Kultur, hier gibt es jedes Jahr das Festival der Liven.