Die Dainas (lettische Volkslieder) sind kleine Vierzeiler mit alten lettischen Weisheiten, die in Lieder eingebunden sind. Vor über tausend Jahren entstanden, waren die Dainas ein Bestandteil der Festlichkeiten und der täglichen Arbeit sowie Reflexionen über das Leben, die in mündlicher Form bewahrt wurden. Es gibt mehr als 1.2 Millionen Dainas, in denen sich alle Formen und Schichten der Kultur sich widerspiegeln, von Theaterstücken bis hin zu alltäglichen Unterhaltungen. Die Sammlung der Dainas ist unter dem Namen “Dainu-Schrank” ins UNESCO-Weltdokumentenerbe aufgenommen worden.

Die Geschichte der lettischen Volkslieder

Die ältesten schriftlichen Zeugnisse von lettischen Volksliedern stammen aus den Jahren 1584 und 1632.

Die ersten Sammlungen lettischer Volkslieder, die von den deutschen Geistlichen  G.Bergmann und F.Wahr zusammengestellt waren, wurden 1807 veröffentlicht. Trotz der Modernisierungswelle im 19. Jahrhundert schafften die Letten es, ihre Dainas-Tradition zu bewahren, überwiegend deshalb, weil sie von Generation zu Generation weitergegeben wurde. So schrieb der deutsche Geograf und Reisende J.G. Kohl in seinen Memoiren 1841: “…Ein jeder Lette ist ein geborener Dichter, jeder dichtet Verse und Lieder, und ein jeder kann sie singen [..] Sie verdienen es, das Volk der Dichter genannt zu werden.”

Das Sammeln und Veröffentlichen von Volksliedern wurde zu einer der Hauptaktivitäten während der Zeit des nationalen Erwachens. Die Zusammenstellung der Volkslieder wurde Krišjānis Barons (1835-1923) anvertraut, der sein Leben der Arbeit mit den Volksliedern widmete und die vollständigste Anthologie lettischer Volkslieder zusammengetragen hat. Zwischen 1895 und 1915 gab er sechs Bände und acht Bücher mit insgesamt 217 996 Texten von Volksliedern heraus. Heute beinhaltet die Sammlung ca. 1.2 Millionen Texte und mehr als 30 000 verschiedene Melodien. 

Die lettischen Volkslieder – das Symbol der lettischen Identität

Die zentrale Rolle der Dainas im Leben der Letten wurde lange Zeit als ein Unterscheidungsmerkmal der lettischen Kultur angesehen. Es beschreibt die drei wesentlichen Elemente des besonderen lettischen Phänomens: Tradition, Literatur und Symbolismus.

Die Letten nennen sich selbst ein Volk von Sängern. Die Volksliedertradition ist das wichtigste Symbol für die Selbstidentifikation der Nation.  Dieses Symbol hat eine Traditionsgeschichte von mehr als einem Jahrhundert. Sie geht zurück auf die Neuletten (Jaunlatvieši), die die ideologischen Vorreiter für das erste nationale Erwachen waren. Die Volkslieder werden als eine Kulturform benutzt, um zu beweisen, dass die Letten ihre nationale Eigenheiten besitzen.

Die ehemalige Präsidentin von Lettland und auch Folklore-Wissenschaftlerin Vaira Vīķe-Freiberga sagte einst:

 „Für den Letten bedeuten die Dainas mehr, als nur eine literarische Tradition. Sie sind für ihn die Verkörperung des von Vorvätern überlieferten kulturellen Erbes, denen die Geschichte greifbarere Ausdrucksformen verweigerte. Diese Lieder bilden die Grundlage der lettischen Identität und Singen wird zu einer identifizierbaren Eigenschaft eines Letten.“

Weitere Quellen: