Das 20. Jahrhundert brachte einen neuen Architekturstil mit sich. Dem Jugendstil, bekannt auch als Art Nouveau, hat Riga sein typisches Stadtbild zu verdanken. Komplizierte florale Ornamente, Girlanden, expressive Masken, verzierte skulpturale Figuren, fließende Linien und sorgfältig ausgearbeitete geometrische Formen zieren heute Fassaden in ganz Riga.
 

Jugendstil in Riga

Während der industriellen Revolution erlebte Riga einen neuartigen Wohlstand, die Einwohnerzahl in der Stadt wuchs explosionsartig. Wohlhabende Unternehmer errichteten mehrere Hundert mehrgeschossige Bauten. Ihre charakteristischen Gesichtszüge erhielt die Stadt mit ihren zentralen Stadtvierteln Anfang des 20. Jahrhunderts. Bis 1904 war der frühere eklektische Charakter der Rigaer Architektur völlig verschwunden. 40 % aller Gebäude im Zentrum Rigas waren nun im Jugendstil, viel mehr als in jeder anderen Stadt der Welt.           

250 Jugendstilgebäude wurden in Riga von lokalen Architekten, den Studenten des Rigaer Polytechnischen Instituts, entworfen. Die namhaftesten waren K. Pēkšēns, J. Alksnis, O. Bārs, R. Donbergs, E. Laube, A. Vanags, P. Mandelstam, E. Pole, B. Bielenstein und M. Nukša.

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Der Jugendstil betraf nicht nur die Architektur, er hatte seinen Einfluss auch auf die Herstellung von Möbeln, Silberzeug, Porzellan, Textilien und Kleidung. Jugendstil war das erste Beispiel des modernen Designs, der nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr an Bedeutung gewann und seine Entwicklung das ganze Jahrhundert fortsetzte.      

Art Nouveau entstand als eine Antwort auf die Massenproduktion des neunzehnten Jahrhunderts. Nach Ansicht der Jugendstil-Designer sollte jedes Haus und jedes Objekt ein Kunstwerk sein. Alle Details in Jugendstilbauten von Türgriffen bis hin zu Fensterklinken wurden speziell von einem Handwerker entworfen und handgefertigt. Die Verwendung von Massenprodukten wurde gemieden.

Jeder, der die Moderne schätzt und sich etwas müde von den standardartigen europäischen Interieurs der Gegenwart fühlt, ist herzlich eingeladen, das Rigaer Jugendstilmuseum in der Alberta-Straße zu besuchen. Das Museum befindet sich in einem 1903 errichteten Haus, in der ehemaligen Wohnung des Jugendstilarchitekten Konstantīns Pēkšēns.

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Die Wohnung wurde gründlich restauriert und zeigt heute authentische Designstücke aus der Zeit zwischen 1890 und dem Ersten Weltkrieg, die aus verschiedenen Städten Europas stammen, insbesondere Paris, Brüssel, Wien und Sankt Petersburg. Dazu zählen Spiegel, Schränke und Kleiderschränke, Kommoden, als auch authentische Polstersessel, Sofas und Stühle. Mehr als 200 Objekte wurden dem Museum von Rigensern geschenkt.     

Die Museumsbesucher können sich vorstellen, sie haben eine Einladung zum Tee in der authentisch eingerichteten Essecke der Familie Pēkšēns am Erkerfenster bekommen: Hier wartet ein Mahagonitisch mit authentischem Tafelsilber auf seine Gäste. Durch das Fenster eröffnet sich ein wunderbarer Blick auf das 1905 von Michail Eisenstein errichtete prächtige Gebäude auf der anderen Seite der Straße. Dank unserer Fremdenführer in Jugendstilkostümen und der Musik, abgespielt von zwei historischen Grammophonen, können die Besucher ein wahres Gefühl einer Cocktailparty der Jahrhundertwende erleben.

Die Räume selbst gehören zu den interessantesten Museumsstücken. So findet man auf der Innenseite des Spülklosettbeckens eine Aufschrift "Das unvergleichliche Klosett". Anstelle eines Markenzeichens, das man heute auf solchen Produkten finden würde, bezeichnet die Aufschrift das Objekt selbst, nämlich das unvergleichliche Spülklosett, einen Luxusgegenstand der damaligen Zeit, als Klohäuschen und Toiletten im Gang eine viel mehr genutzte Alternative waren.  

Mehrere historische Artefakte findet man auch in der Küche der Jugendstilwohnung. Hier kann unter anderem ein frühes Kühlschrankmodell mit einem separaten Fach für Eiswürfel und einem Hahn zum Ablass von Schmelzwasser und eine faszinierende Brotschneidemaschine betrachtet werden, die an einen übergroßen Zigarrenabschneider erinnert. Das kleine Magdzimmer befindet sich nur ein paar Schritte von dem großen Holzofen entfernt. Alle, die Interesse an der lettischen Küche haben, können sich gerne mit einem lettischen Kochbuch aus dem Jahr 1904 auf dem Küchenregal bekannt machen.

Typische Jugendstil-Interieure meiden alle natürlichen Oberflächen, die in der Innenausstattung von heute so beliebt sind, zum Beispiel freigelegte Ziegelwände und Holzböden. Im Jugendstil legen die Handwerker großen Wert darauf, einen natürlichen Effekt mit künstlerischen Mitteln zu erzielen: Holzbilder wurden auf Naturholztüren und Fensterbänken gemalt, Holzdielen wurden mit pastellen Leinölfarben gestrichen. Auch auf den Wänden und an der Decke malte man stilisierte Abbildungen von Naturobjekten, zum Beispiel schablonenhafte Pinienzapfen, Girlanden und Blumen anstelle von realen Gegenständen.

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Die Liebhaber des Jugendstils schätzten die künstlerische Darstellung hoch: fein ausgearbeitete Kreationen des menschlichen Verstandes und seiner unendlichen Einbildungskraft.

Richtungen des Jugendstils

Regelmäßige Rhythmen mit einer Sättigung von Dekorationen der Oberfläche sind die charakteristischen Merkmale des eklektischen Jugendstils. Genaue Linien, geometrische Figuren oder stilisierte Ornamente, die Pflanzen und Masken darstellen, ausgedehnte Proportionen charakterisieren den frühen Jugendstil. Die besten Beispiele findet man auf und in der Nähe der Alberta-Straße, sie stammen von Architekten wie M. Eisenstein, H. Scheel, F. Scheffel, R. Zirkwitz, J. Alksnis und anderen.

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Nach 1906 breitete sich der sogenannte perpendikulare Jugendstil aus, wenn aus den Fassaden allmählich romantisch stilisierte Motive verschwanden. Jetzt wurden an der Fassade senkrechte Elemente hervorgehoben. Ausgeprägte Erkerfenster und Reliefs erhielten strenge Formen und nach außen ragende Streifen erstreckten sich aufwärts über mehrere Geschosse der Jugendstilbauten. Die Flächen zwischen den Stockwerken wurden mit ornamentalen Dekorationen verziert und vollständig in die Grundformen der Fassade integriert.

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Mehr als ein Drittel der vielfältigen Rigaer Jugendstilbauten ist im Stil des perpendikularen Jugendstils gebaut. In manchen Straßen dominieren diese Gebäude volkommen den umgebenden Stadtraum (Brīvības Straße, Ģertrūdes Straße, Aleksandra Čaka Straße etc.). Zu den Vertretern dieses Stils zählen Architekten wie J. Alksnis, E. Laube, B. Bielenstein, O. Bārs, P. Mandelstam etc.

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Die Nationalromantik stellt einen Versuch der Rigaer Architekten dar, einen ausgprägten lettischen Architekturstil zu entwickeln. Diese Richtung des Jugendstils erlebte ihre Blütezeit zwischen 1905 und 1911.  Traditionelle Holzbauten und die ornamentale Kunst dienten als die wichtigste Quelle für die Inspiration der Nationalromantik. Lettische Architekten haben viele natürliche und lokale Baumaterialien verwendet. Zu dieser Kategorie gehört circa ein Drittel aller Jugendstilbauten in Riga. Die wichtigsten Architekten dieses Stils sind E. Laube, K. Pēkšēns, A. Vanags und A. Malvess. Die Merkmale der Nationalromantik sind auch in den Werken deutschbaltischer Architekten erkennbar. Eine gewisse Schwerfälligkeit der Formen, monumentale Vornehmheit, steile Dächer, Fensteröffnungen mit schrägen Spitzen und Verziehrungen mit eleganten ethnographischen Motiven – all dies ist für diese Richtung charakteristisch.