Das Theater ist vielleicht die beliebteste Form der Bühnenkünste in Lettland. Mit  mindestens einem Theaterhaus in allen größten Städten stellt das Theater eine Kunstform dar, die für jedermann zugänglich ist und von allen in Anspruch genommen wird, egal ob jung oder alt, ob aus der Stadt oder vom Lande.

Die Letten lieben es, ins Theater zu gehen. Der Theaterbesuch ist ein Ritual für sich: die Menschen ziehen sich für die Vorstellung fein an, gönnen sich einen kleinen Genuss und bringen Blumen für ihre Lieblinge unter den Regisseuren und Schauspielern mit. Sie organisieren sich sogar in Gruppen und kommen mit Bussen zu Vorstellungen in die Hauptstadt. Manche werden Sie vielleicht unzufrieden ansehen, wenn Sie etwa in Jeans ins Theater kommen und Sie schelten, wenn Sie während der Vorstellung ein Geräusch verursachen. 

Eine aufregende Zeit für das Theater in Lettland

Heutzutage hinterfragen alle Künstler, Regisseure, Choreographen und Schauspieler den Rahmen, in den das Theater traditionell eingegrenzt ist, und stellen diesen immer wieder auf die Probe.  Sie schaffen einzigartige und experimentelle Formen des Theaters, sie kommunizieren mit dem Publikum auf ganz neue Arten und zeigen, dass Theater auf vollkommen unkonventionelle Weise genossen und interpretiert werden kann.  Doch das traditionelle Theater ist damit keinesfalls stehengeblieben: es wird mit neuen Bühnenbildern experimentiert; es werden kontroversere Schauspiele auf die Bühne gebracht; neue Theaterräume werden eröffnet; es wird mit neuen Theatern und ausländischen Regisseuren zusammengearbeitet, und Schauspieler werden für unabhängige Produktionen „ausgeliehen“.

Die hohe Achtung für das Theater, die sowohl Regisseure als auch Schauspieler in Lettland genießen, ist für die Beliebtheit dieser Kunstform bezeichnend. Regisseure haben ein hohes Ansehen und einen hohen Status in der lettischen Gesellschaft und werden oft als Meinungsbildner behandelt, deren Ansichten zu verschiedenen sozialen und politischen Themen nachgefragt werden. Die Schauspieler sind genauso beliebt wie Pop-Musiker, ihre Namen sind allgemein bekannt und sie werden von den Leuten so behandelt, als wären sie Hollywood-Stars.

Den größten Namen im zeitgenössischen Theater haben sich die folgenden jungen Regisseure gemacht: Valters Sīlis, Kārlis Krūmiņš, Viesturs Meikšāns, Elmārs Seņkovs und Vladislavs Nastavševs. Zusammen mit der vorangehenden Generation wohlbekannter Regisseure – Alvis Hermanis, Dž. Dž Džilindžers, Edmunds Freibergs, Viesturs Kairišs, Gaļina Poļiščuka und vielen anderen haben sie stilistische Grenzen erkundet und den Gedanken und die Ausdrucksformen des Postmodernismus auf die lettische Bühne gebracht.

Geschichte des lettischen Theaters

Die Ursprünge des lettischen Berufstheaters können bis zu dem sogenannten „Ersten Erwachen“ zurückverfolgt werden, als die erste Generation hochgebildeter Letten ihren Anspruch auf eine nationale und intellektuelle Identität geltend machte. Der erste berufsmäßige lettische Bühnenautor war Adolfs Alunāns. 1869 markierte sein erstes Theaterstück die Gründung der Rigaer Lettischen Gesellschaft, die sich zu einem herausragenden nationalen Kulturzentrum entwickelte. 

Anfangs stand das lettische Theater unter dem Einfluss der Deutschen Schule mit seinen überspitzten Gesten, Gesichtsausdrücken und Emotionen. Mit der Zeit wurde dieser Stil durch neue europäische Trends des Naturalismus und Symbolismus und die russischen Grundsätze von Theateraufführung, Drama und Schauspielkunst verdrängt. 

Die bekanntesten Theaterautoren des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts waren  Rūdolfs Blaumanis, Rainis und Aspazija. In ihren Stücken werden die historischen Wendepunkte, die die Nation damals durchlebte, mit symbolischen und mythologischen Figuren und Konflikten dargestellt. In den Stücken von Aspazija werden die ersten Manifestationen hinsichtlich der Rechte und des freien Willens der Frauen laut. Der Erfolg ihrer Schauspiele ist an sich schon eine aussagekräftige Tatsache, da Theaterstücke von Frauen im Europa der damaligen Zeit typischerweise nicht erfolgreich waren.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam das lettische Theater unter die Aufsicht und den ideologischen Druck der sowjetischen Behörden. Zu der Zeit war das Theater einer der wenigen öffentlichen Orte, wo noch Lettisch gesprochen wurde und noch ein Hauch von persönlicher Freiheit in der Luft lag. Dieses Flair kam am deutlichsten in dem expressiven Trend des sogenannten poetischen Theaters, welches Pēteris Pētersons in the 1960er und 70er Jahren schuf, zum Ausdruck. Eine tragende Figur des lettischen Theaters ist auch Eduards Smiļģis, der Gründer des Dailes-Theaters – eines der beliebtesten der traditionellen Theater.

In den 1960er Jahren wurde das lettische Theater abwechslungsreicher und eine Reihe von talentierten Regisseuren betrat die Bühne, darunter Alfrēds Jaunušāns in Rīga and Olģerts Kroders in Valmiera. In den 1980er Jahren wurden neue Trends durch Māra Ķimele, Ādolfs Šapiro und Kārlis Auškāps eingeführt.

Lettische Theaterfestivals

Die lettische Theaterszene wird von vielen Festivals bereichert. Jedes zweite Jahr findet in Riga das Internationale Festival des zeitgenössischen Theaters Homo Novus statt, das als Plattform für die Entwicklung neuer künstlerischer Initiativen und Partnerschaften dient. Homo Alibi, ebenso ein internationales Festival, ist auf das experimentale Theater ausgerichtet, wobei es jedes Mal auf ein anderes Medium, wie z.B. die Solodarbietung oder Anwendung eines neuen Mediums, fokussiert ist. Das Theaterfestaval The Latvian Theatre Showcase , obwohl für ein internationales Publikum gedacht, vermittelt einen Überblick über  die aufregendsten Entwicklungen und Vorstellungen auf Lettlands Bühnen.

Es gibt auch das Opernfestival, das Internationale Baltische Ballettfestival, das Rūdolfs-Blaumanis-Theaterfestival, das Baltische Festival des zeitgenössischen Dramas “Skats”, das “Dirty-Drama-Festival“, sowie das internationale Tanzfestival “Time to Dance” und das Festival für junges Publikum “No-Mad-I”. Wie Sie sehen, bietet die lettische Theaterwelt eine reiche Auswahl.

Weitere Informationen unter: