Im 20. Jahrhundert wurde Lettland zahllosen Verwicklungen und Unruhen ausgesetzt: eine Revolution, zwei Weltkriege, Kämpfe um die Unabhängigkeit, mehrere Besetzungen, Zwangsverschickungen, Flüchtlinge und unter ihnen eine große Abwanderung. Es war aber auch das Jahrhundert, in dem der lettische Staat gegründet wurde. In den Nachwirren des Ersten Weltkrieges nahm die lettische Nation ihr Recht auf Selbstbestimmung wahr und erhielt die Souveränität über das Gebiet, das schon von alters her von Letten bewohnt worden war.

Aufbau eines Staates in unruhigen Zeiten

Am 18. November 1918 wurde durch den Rat der Volksbeauftragten Lettlands die Republik Lettland ausgerufen. Der Rat versammelte Vertreter aus fast allen ethnografischen Regionen Lettlands und erklärte im Nationaltheater von Riga die Unabhängigkeit Lettlands.

Zu dieser Zeit war Lettland von der Armee des Deutschen Reiches überrannt worden. Doch dieses Reich hatte den Krieg bereits verloren und war von einer Revolution erschüttert. Daher erklärte sich die deutsche Armee unter dem Druck der Alliierten bereit, mit der Armee der Übergangsregierung Lettlands gegen die Bolschewiken, die im Dezember 1918 einmarschierten, zusammenzuarbeiten.

Der lettische Unabhängigkeitskrieg

Die Letten kämpften zusammen mit den Resten der deutschen Armee, bis die Deutschen einen Putsch durchführten und sich im April 1919 gegen die Letten wandten. Sie wollten Lettland zu einem Deutschland untertänigen Herzogtum  machen, doch die lettische Armee besiegte die deutschen Kräfte bei Cēsis im Juni 1919.

Ein weiterer Versuch, die Unabhängigkeit Lettlands abzuwenden, fand Ende 1919 statt. Die früheren Soldaten des Deutschen Reiches und des Russischen Reiches wurden von Oberst Bermondt gegen die in Unterzahl kämpfenden Soldaten der Übergangsregierung Lettlands geführt. Doch der unbändige Drang der Letten nach Unabhängigkeit überrannte die Gegner, die jeweils ihre Reiche errichten wollten, als die lettische Armee am 11. November 1919 einen Sieg errang. Bermondts Armee wurde bis zum Ende desselben Jahres aus Lettland vertrieben.

Danach musste Lettland sich auch noch mit der Invasion und dem Putsch der Bolschewiken auseinandersetzen. 1920 war Lettland siegreich und der Friedensvertrag zwischen Lettland und Russland, der am 11. August 1920 unterzeichnet wurde, bedeutete das Ende des Unabhängigkeitskrieges. Mit diesem Vertrag gab das sowjetische Russland jegliche Ansprüche auf Lettland „bis in alle Ewigkeit“ auf.

Schaffung der Grundlagen für den Staat

Trotz des Krieges wurden Schritte zum Aufbau des neugegründeten Staates eingeleitet. Die Staatsverwaltung und das Gerichtssystem, die Oper, das Konservatorium, die Kunstakademie und die Universität Lettland wurden alle 1919 geschaffen.

Unterdessen wurde die verfassungsgebende Versammlung gewählt. Sie trat am 1. Mai 1920 zusammen, um Lettland seine Verfassung zu geben. Darüber hinaus leitete die Versammlung die historische Agrarreform ein, mit der die feudalen Ländereien an die landlosen Bauern und Veteranen des Unabhängigkeitskrieges neu verteilt wurden.

Die frühen 1920er Jahre waren eine Phase des Wiederaufbaus der Wirtschaft und der Etablierung der Demokratie. Am 26. Januar 1921 überzeugte der erste Außenminister Lettlands, Zigfrīds Anna Meierovics, den Obersten Rat der Alliierten  (Großbritannien, Frankreich, Italien, Belgien und Japan), Lettland de iure anzuerkennen. Lettland trat dem Völkerbund bei.

Das erste Parlament oder die Saeima wurde im Oktober 1922 gewählt. Die Saeima wählte den hervorragenden Juristen Jānis Čakste zum ersten Präsidenten von Lettland. In den ersten vier Parlamenten von 1922 bis1934 bildeten die Sozialdemokraten zwar jeweils die stärkste Fraktion, doch war die zweitstärkste Fraktion, der konservative Bauernverband, meisten diejenige Partei, die sich an der Koalition beteiligte und deshalb die Regierung führte. 1927 wurde Gustavs Zemgals zum Präsidenten gewählt, und 1930 folgte ihm Alberts Kviesis.

Lettland entwickelte regionale Transitverbindungen und führte internationalen Handel mit dem Westen und Osten. Stark entwickelte Landwirtschaft erlaubte es Lettland die Weltwirtschaftskrise mit geringeren Verlusten zu überleben. Bis zu den 1930er Jahren war das Wohlstandsniveau in Lettland vergleichbar mit dem in anderen europäischen Staaten wie Dänemark und Finnland. 

Das Ende der Demokratie und die Brise des Krieges

Der damalige Ministerpräsident Kārlis Ulmanis initiierte einen Putsch und kam im Mai 1934 an die Macht. Der Staat wurde auf autoritäre Weise regiert, in dem Grundrechte, wie z.B. die Redefreiheit, eingeschränkt wurden. Es fand jedoch keine Gewalt statt und es gab auch keine Tötungen.

Politische Absprachen zwischen den beiden totalitären Regimen in Europa –dem Nazi-Deutschland und der Sowjetunion – unterbrachen die Unabhängigkeit Lettlands. Gemäß dem Molotow-Ribbentrop-Pakt vom 23. August 1939 beanspruchte die Sowjetunion die baltischen Staaten als ihren Interessensbereich. Als Nazi-Deutschland im Mai 1940 in Frankreich einmarschierte, marschierte die Sowjetunion im Juni desselben Jahres in Lettland ein. 

Weitere Quellen:

Latvian War of Independence