4. Mai 1990 - Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit

Die Geschichte hat Lettland nicht unversehrt gelassen, eine der Ausnahmen sind jedoch die zwei Geburtstage der Republik. 

Die Republik Lettland wurde am 18. November 1918 proklamiert, doch der lettische Kalender feiert auch den Tag der Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Die Letten verloren ihren neu gegründeten Staat während des Zweiten Weltkriegs an totalitäre Aggressoren: die Sowjetunion und Nazi-Deutschland.

Die langen Jahre der Sowjet-Okkupation fanden am 4. Mai 1990 ihr Ende, als das lettische Parlament die Unabhängigkeit wiederherstellte. Dieses Ereignis markierte den Beginn einer demokratischen Übergangszeit und endete in der vollständigen Wiederherstellung der Verfassung. Der Übergang war 1993 abgeschlossen, als das Parlament, die Saeima, verfassungsgemäß von den lettischen Bürgern gewählt wurde. 

Unter Betrachtung des historischen Zusammenhangs nutzte das lettische Volk die zu der Zeit beginnende Lockerung des totalitären Regimes, um die Freiheit wieder zu erlangen. Die strategische Wahl der Lettischen Volksfront bestand in der vermehrten Einflussnahme auf die vorhanden Machtstrukturen und einer friedlichen Machtübernahme.
 

Hintergrund

1985

Gorbatschow beginnt ‘Perestroika’ und ‘Glasnost’.

1986

Die lettische Menschenrechtsorganisation "Helsinki 86" wird gegründet.

1987

Trotz offizieller Verbote gedenkt das lettische Volk den Deportationen nach Sibirien und protestiert gegen den Molotow-Ribbentrop-Pakt.

1988

Gemeinsame Plenarsitzung der Künstlervereinigungen Lettlands Die Sowjet-Okkupation wird angeprangert.

1988

Die Volksfront als eine Dachorganisation der Unabhängigkeitsbewegungen wird gegründet.

1989

Der Baltische Weg: Zwei Millionen Menschen bilden eine 600 km lange Menschenkette zwischen Tallinn, Riga und Vilnius, um gegen die Sowjet-Okkupation zu protestieren.

März 1990

Die Lettische Volksfront gewinnt bei allgemeinen Wahlen gegen das kommunistische Parteienbündnis.

 

Die erste und einzige Wahl in der Sowjetunion mit Mehrparteiensystem im Jahr 1990 katapultierte die Lettische Volksfront in Machtpositionen. Am 21. April 1990 versammelten sich in Riga mehrere tausende Gemeindeabgeordnete aller Ebenen aus allen Gemeinden Lettlands. Der Großteil der über achttausend Abgeordneten beauftragte den am 18. März gewählten Obersten Rat mit der Wiederherstellung der Unabhängigkeit Lettlands. 

Die Volksfront hatte 131 Sitze im Obersten Rat. 132 Stimmen waren benötigt, um die Erklärung zu verabschieden. Nach langen Beratungen, gestört von Dauerrednern der Anti-Unabhängigkeitsbewegung, begann der Rat schließlich am 4. Mai über die Erklärung abzustimmen. Jede Stimme wurde einzeln ausgerufen, während die Journalisten das Ratsgebäude belagerten und Menschen den Vorplatz füllten. Noch viele mehr folgten der Live-Übertragung auf ihren tragbaren Radiogeräten.

138 Abgeordnete stimmten für die Wiederherstellung der Unabhängigkeit. Die Erklärung "über die Wiederherstellung der Unabhängigkeit der Republik Lettland" war erlassen. Die Menschen feierten auf den Straßen. Der Vorsitzende des Obersten Rats Anatolijs Gorbunovs wurde mit Blumen überhäuft. Einige Abgeordnete wie Mavriks Vulfsons wurden von der feiernden Menge auf Händen getragen.

Lettland war, anknüpfend an die erste Republik von 1918, erneut gegründet.  Die Satversme (Verfassung) aus dem Jahr 1922 trat nur teilweise in Kraft, bis sie dann 1993 vollständig wiederhergestellt war. Der Oberste Rat und der Ministerrat schafften Gesetzgebung und Verwaltungsbasis für die wichtigen staatlichen Strukturen und Institutionen in allen Bereichen wie Gerichtswesen, Sicherheit, Militär, Finanzwesen usw. Die Regierung wurde am 7. Mai von Ivars Godmanis gebildet.

Das lettische Volk hatte immer noch mit ernsthaftem militärischen Widerstand gegen die Unabhängigkeit zu kämpfen, nach gewaltsamen Angriffen der Sowjets in Vilnius wurden in Altstadt von Riga im Januar 1991 Barrikaden errichtet. Der letzte Versuch die Sowjetunion wiederzubeleben scheiterte mit dem Putsch in Moskau im August 1991. Das lettische Parlament erklärte als erstes den Putsch für gesetzeswidrig.

Am 21. August 1991, nach Litauen und Estland, verabschiedete Lettland das Verfassungsgesetz über uneingeschränkte Unabhängigkeit und stellte die Unabhängigkeit de facto wieder her. Die internationale Anerkennung folgte. Demnach erlangte die 1918 gegründete Republik Lettland ihre Unabhängigkeit wieder und nahm erneut ihren Platz in der weltweiten Gemeinschaft der freien Nationen ein.